Mainz schreibt einen Bleichenkrimi

Zur Mainzer Museumsnacht 2011 waren waren die Bürger dazu aufgerufen, einem Krimi seine Grundstruktur zu verpassen: Story, Täter, Verbrechen, Opfer, Helden. Einzige Vorgabe: ein Krimi in der Bleiche. Das Ergebnis: Der B.Leichenkrimi - Kardinal von Mainz wird im Puff ermordet, die Leiche dann von Laden zu Laden beiseite geschafft.

Der Autor: Dominic Memmel (ohrengold.de / mfis.wordpress.com / liest jeden 3. Donnerstag im Monat Das Grauen auf der Schwelle)

Verlag: der fertige Groschenroman wird voraussichtlich Anfang 2012 im gONZo verlag erscheinen.



In der Stuz erscheint monatlich ein Auszug aus dem Bleichenkrimi, inklusive proudly vom Autor vorgetragener Sequenzen!




B.Leichenkrimi in Scheiben:

... Es öffnete sich eine Pforte am Kreuzgang des Mainzer Doms und entließ eine dunkle Gestalt, die über den Domfriedhof huschte, begleitet von einer Fledermaus. Die Gestalt bewegte sich, als kenne sie den Mainzer Dom so gut, wie ein Student den Weg zur Uni, als wäre sie mit ihm auf eine schier geschichtsträchtige Art und Weise verbunden. Nach ein paar eiligen, aber lautlosen Schritten über das gut gepflegte Grün verschwand sie in einer weiteren Pforte gegenüber der ersteren. Die Fledermaus jedoch war wieder in den Nachthimmel enteilt und tummelte sich nun in einem Eintagsfliegenschwarm. Es war ein angeregtes Brausen, ein warmer Donnerstag im Spätaugust, wenig Wolken, viele Sterne.
Wenige Minuten späte rollte ein schwerer, schwarzer Wagen mit getönten Scheiben und der Aura eines Panthers durch die menschenleere Heugasse dem Rhein entgegen, mit knurrendem Motor, nur wenige hundert Meter vom Dom entfernt. Er setzte den Blinker, den Dom gemächlich hinter sich lassend, um in die Anonymität der Stadt zu tauchen. ...

... Rosanda und ihre Mutter verließen das Haus und stolperten an der Türe über Erbrochenes. Virtuos schaffte sie es, weder hinein zu treten, noch beim Versuch, dem alten Schinken auszuweichen, wegzurutschen und zu stürzen. Rosanda war ein Kind der Bleiche, hätte man sie betäubt und in einem der großen Krisengebiete der Welt wieder abgesetzt, sie hätte den Unterschied kaum bemerkt. Rosandas Mutter aber war in Krisengebieten groß geworden. Sie maulte etwas, band sich das Kopftuch enger, packte die Tochter am Arm - die zwei Frauen gingen Spalier, wie U-Boote bei voller Fahrt durch ein Korallenriff. ...

... "Du, gleich knallts, dann ist aber richtig Auaa!"
"Ey, ich knall dir zurück!"
"Pass auf was du Angst!"
"Hä??"
Die Wolle wäre beinahe entzwei gerissen, hätte es nicht in eben jenem Moment an der Tür geklingelt. Die Mutter raffte die Wolle an sich und ging öffnen. Ein junger Mann mit gescheiteltem Haar und trübem Blick stand da und lächelte.
"Ähh... ja?" stammelte sie, diebisch darauf bedacht, die Wolle soweit in ihrer breiten Bauchmasse zu versenken wie nur möglich.
"Guten Tag, liebe Frau," säuselte der Herr, "mein Name ist Gerd, ich bin ein Mitglied der Kirche der Zeugen Jehowas."
"Was für einer bist Du?" kam die Gegenfrage prompt.
"Ich möchte Ihnen helfen..."
"Ich brauch keine Hilfe!"
"...und habe Ihnen deshalb eine Ausgabe unseres neuen Magazins Deus Ex Machina mitgebracht." Er hielt das Magazin in die neutrale Zone zwischen ihnen, doch sie packte es, riss es ihm aus der Hand, machte einen Schritt zurück und schlug dem jungen Herrn die Nase vor der Türe zu: Brei! Nun ja, verbal zumindest.
"Was'n das für 'n Scheiß?" fragte sie ins Nichts und warf das Magazin unbeachtet dorthin wo es hin gehörte: in eine ranzige Ecke. Dann setzte sie sich wieder an den Küchentisch und sortierte die Wolle. ...

... Die Bleiche, unendliche Weiten.
Pussy thronte auf einem Dachgiebel weit oben und beobachtete die Straße. Es war eine guter Giebel, vor allem nach dem Mittagsschlaf, von dort hatte sie einen perfekten Ausblick, konnte auf die Straße und in ein halbes Dutzend Innenhöfe blicken, durch geöffnete Fenster und Balkone in fremde Wohnungen hinein. Zudem war dies der Platz der Abendsonne. Pussy liebte die Abendsonne. Sie liebte es, unbemerkt über dem Viertel zu sitzen und alles zu wissen, was dort unten vor sich ging, die Welt zu beherrschen, in der sie lebte. Sie war neugierig, in ihren Adern pochte das Blut einer Rasse von Eroberern, von Herrschern und Unterdrückern, die unseren Planeten schon vor langer Zeit bevölkerten, um sich ohne tiefe Bindung miteinander (denn Herrscher sind Einzelgänger) hier und dort niederzulassen. Pussy war eine von ihnen, es lebte in ihrer Seele und ihre Augen waren zwei tiefe Weiher von einer anderen Welt.
Nun ließ sie ihren scharfen Blick nach links wandern, in einen Hinterhof hinein. Sie hatte eine Bewegung wahr genommen, nichts Deutliches, mehr als fiele ein Blatt, gerade hinter einem Mäuerchen. Der Hof war halb mit Wellpappe überdacht, dort lag ein Socken und... Fisch! Der Fisch lag noch nicht lange, roch frisch herüber, denn der Wind stand günstig.
Zwei Männer kamen hinter dem Haus herum und durchquerten vorsichtig den Innenhof. Einer, der Kleinere, hatte eine Sackkarre dabei, mit einem Bierfass. Sehr unspannend in dieser Gegend und um diese Uhrzeit, Pussy zwinkerte. Trotzdem verhielten sich die Männer, als wären sie Verbrecher, redeten nicht, waren möglichst leise, trugen dunkle Sonnenbrillen. Der Größere gestikulierte, während der Kleinere seine Anweisungen in die Tat umsetzte. Pussy spitzte die Augen. Hier passierte etwas! Hinter den Kulissen wurden Stützbalken verschoben und Verantwortungen übergeben, ohne Quittung oder Unterschrift. Doch der Zuschauer merkte es, Pussy bemerkte es, durch eine undichte Stelle in der Decke konnte sie zusehen: Zwei dunkle Typen bei dunklen Geschäften! Dann waren sie unter der Wellpappe verschwunden, es rumpelte metallisch, sie schienen das Fass abzuladen. Und tatsächlich, nach einem kurzen Moment kamen sie eilig mit der leeren Sackkarre hervor und zogen sich wieder hinter das Haus zurück. Übrig blieben der Fisch, das Fass und ein ausglimmender Zigarettenstummel. ...